France

Es beginnt damit, dass meine Familie von Seiten der Mutter von Hugenotten abstammt, die aus Frankreich vertrieben, nach Deutsch­land kamen (Erzählt zumindest meine Cousine). Viele Vorfahren aus dieser Linie hatten und haben eine musische Ader, die weiter gegeben wurde.

◼️      Es setzt sich darin fort, daß mein Vater fast 5 Jahre lang Freiarbeiter in Südfrankreich war und um ein Haar dort geheiratet hätte. Natürlich konnte auch er Geschichten über SEIN Frankreich erzählen.

◼️      Großen Anteil hat auch meine Aachener Herkunft, denn Aachen war jahrelang die Hauptstadt der französischen Rheinprovinz und ist von der französischen Kultur zutiefst beeinflußt. Die vielfältigen Zeugen dafür befinden sich nicht nur im gesprochenen Dialekt, dem "Öcher Platt". So verdankt der heutige Uniformen-Karneval seine Entstehung der Auseinandersetzung der Aachener Bürger mit den französischen Besatzern. Wikipedia - Aachener Karneval

◼️      Schließlich hat Frankreich nach der berühmtesten aller Revolutionen die erste grosse konstitutionelle Volksherrschaft hervorgebracht. Für mich eines der bedeutendsten Ereignisse des letzten Jahrtausends. Frankreich war aufgrund seiner Geschichte nicht zufällig das Land, in dem Revolution und Restauration in kurzer Folge nacheinander wirkten und dem wir zahlreiche "Ismen" verdanken. Den Surrealismus, den Enzyklopädismus, den Existentialismus, etc. pp.

◼️      In der französischen Brust schlagen zwei Herzen. Das eine entstammt der Tradition der Aufklärung und des Rationalismus und erneuert sich ständig auf vielen Gebieten des französischen Lebens. Franzosen wollen Begründungen für staatliches Handeln. Gibt es die nicht, dann hagelt es Straßenprotest oder zumindest beißenden Spott. Franzosen haben viele Höflichkeitsrituale, die man beachten muss. Sie haben Elite-Schulen. Sie lieben computergesteuerte Multimediashows. Sie sind Erfinder. Der Belgier Camille Jenatzy erfand, konstruierte und steuerte das erste Auto, das schneller als 100 km/h fuhr, ein Elektrofahrzeug namens "La Jamais Contente" Ein wilder Kerl nach dem Geschmack der Futuristen. Der Name des Autos ist in der heutigen Diskussion um Hybrid-Fahrzeuge wieder öfter zu hören und er ist Programm. Kein Wunder, dass der Mann als Franzose requiriert war. Aber auch bei Franzosen muss die Kasse natürlich stimmen. Im Alltag von Wirtschaft, Handel und Verkehr sind sie eilig, nicht selten auch schroff und ziemlich rational.

◼️      Rational? Ein wichtiger Staatsbesuch aus Arabien wurde vom Staatsbesuch diplomatisch zum informellen Treffen umdeklariert, weil sich die Delgetationsleiter nicht darauf einigen konnten, ob beim Staatsbankett Wein serviert werden soll oder nicht. Für die Arabische Delegation war klar. Muslime: ergo kein Wein. Für die Französischen Gastgeber war ebenso klar. Staatsbankett: ergo Wein. Wenn kein Wein serviert wird, kann es auch kein Staatsbankett sein, ergo auch kein Staatsbesuch. Dennoch würde fast jeder Franzose behaupten, man habe sich rational verhalten.

◼️      Das ist das andere Herz. Franzosen erziehen ihre Kinder gerne. Franzosen*ösinnen haben Geliebte. Franzosen feiern Feste und Traditionen. Die exisiterenden Feste bleiben bestehen und es werden gern Gründe für neue gesucht. Auf solchen Festen kann es viel verrückter zugehen, als Deutsche den Franzosen zutrauen. So gibt es etwa in Quiberon, einem idyllischen Ort an der Spitze der spitzen Landzunge gegenüber der Belle Ile in der Bretagne das Kellner-Rennen „Course des Garçons de Café“. Dort kann man die zwei Herzen schon sehen. Einerseits ein irre komisches Rennen, bei dem die Kellner mit einem vollen Gedeck über einen Parcour geschickt werden und dabei oft noch erschwerend irre Kostüme tragen, andererseits aber ein durchaus mit Siegeswillen geführter Wettkampf. Natürlich lieben Franzosen Essen und Genuß. Frankreich gilt vielen als das Mutterland des Genusses (der Haute Cuisine sowieso) und Paris als die Welt-Hauptstadt der Liebe.

◼️      Wie geht das zusammen? Die beiden Herzen sind durch den Widerspruch verbunden, die eigene Lebensfreude ernst zu nehmen, sich ernsthaft, also mit Nachdruck und Willen um sie zu kümmern und umgekehrt entsprechend allen ernsten Dingen des Lebens mit Nonchalence und Lebensfreude zu begegnen. Jeder Spass wird doch erst richtig Freude, wenn er ernsthaft vorbereitet wird und jede ernste Sache wird mit einem großen Schuss Humor gleich viel erträglicher.

◼️      Zum Vergleich: Sagen wir, ein italienisches Weingut produziert einen Wein. Wenn er gut besprochen wird, wird er jedes Jahr teurer. Wenn er nicht besprochen wird, schwankt er jedes Jahr stark in der Qualität. Ein französisches Weingut versucht immer denselben Wein, zu produzieren, das Niveau von Preise und Qualität dabei hoch zu halten, sich in einem Qualitätssystem abzusichern (das später von allen, auch den Italienern abgekupfert wird). Franzosen gründen einen Verband oder eine Bruderschaft, leisten die Verbandsarbeit, messen sich in (zu?) zahlreichen Wettbewerben und schmeissen lieber die halbe Ernte weg, bevor echter Ausschuß produziert wird.

◼️      Aber wenn ein Franzose den Wein dann endlich pichelt, dann wird anfangs "oh la la" gerufen und noch ein bischen dicke getan, schon sehr bald aber nur noch gefeiert, ob rundheraus fröhlich oder stillvergnügt. Ein Deutscher, der nach dem Öffnen der zweiten Flasche immer noch Kommentare zum Wein abgeben muss, wird mit erhobener Braue verwundert beäugt oder falls er den Käse dazu vom Rand her abschneidet ebenso "geschnitten", wie der Käse. Das ist Ausdruck der "französischen Dialektik". Die Planung von lebenswerten Dingen, Freude und Vergnügen erfolgt preussisch gründlich und korrekt, die Durchführung jedoch erfolgt mit mediterraner Nonchalence.

◼️      Und deshalb bin ich im Herzen gerne Franzose. Frankreich ist meine leidenschaftliche Wahlverwandtschaft.

This article was updated on September 7, 2019

K.G.